Autismus und Bewegungsblindheit – Doch das Gleiche?

Sprechen wir von einer Bewegungsblindheit, ist damit gemeint, dass wir durch eine bestimmte Art der Wahrnehmung bestimmte Dinge aus dem Blick verlieren. Allerdings ohne dass diese Dinge tatsächlich verschwinden. Vielmehr ist es so, dass wir „blind“ werden für bestimmte Objekte.

Die Universität Yale hat zur Bewegungsblindheit eine Studie veröffentlicht, analog der das Phänomen als „durch Bewegung ausgelöste, vorübergehende Blindheit“ (Motion-Induced Blindness) bezeichnet wird. Es handele sich hierbei jedoch nicht um eine Blindheit im eigentlichen Sinne, eher entferne das Gehirn wissentlich störende Elemente aus dem Blickfeld. Dies sei eine „Logik der Wahrnehmung“.

Ob es sich tatsächlich um eine „Logik“ handelt, sei an dieser Stelle noch dahingestellt. Viel auffälliger ist zunächst die offensichtliche Parallele zur detailorientierten Wahrnehmung, der bekanntlich hauptsächlich Menschen mit Autismus nachgehen.

In dem Blogbeitrag „Autismus und Vertigo oder warum Licht nicht flackern sollte“ hatte ich bereits ausgeführt, dass Bewegungen, wie zum Beispiel flackerndes Licht, bei einem Betroffenen unter anderem ein Gefühl des Schwindels auslösen können. Sendet das Gehirn eines Betroffenen also derart deutliche Signale als Reaktion darauf, dass es mit der Verarbeitung von Bewegungen überfordert ist, kann die detailorientierte Wahrnehmung demnach nur den Vorteil haben, dass das Gehirn wissentlich die störenden Elemente, hier Bewegungen, aus dem Blickfeld eines Menschen mit Autismus entfernt.

Die „Logik der Wahrnehmung“ wäre im Fall von Autismus demnach nichts weiter als eine sinnvolle Kompensationsstrategie, die dafür sorgt, dass Betroffene „blind“ werden für jede Art von Bewegungen. Nicht, weil sie „blind“ sein wollen, sondern weil „blind“ sein für sie notwendig und wichtig  ist, um beispielsweise ein unangenehmes Schwindelgefühl zu vermeiden, dem sie andernfalls ausgesetzt wären.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Autismus und Vertigo oder warum Licht nicht flackern sollte

Eine Autismus-Spektrum-Störung ist für die meisten Menschen eine unsichtbare Behinderung. Sie findet in einem Bereich statt, der einem interessierten Betrachter verschlossen bleibt, im Kopf. Die entscheidenden Fragen sind demnach, ob und wie sich dieses Defizit bei einem Betroffenen bemerkbar macht. Ist es, abgesehen vom Gefühl des Andersseins, überhaupt spürbar?

Einen ersten Anhaltspunkt, vielleicht sogar eine Antwort auf diese Fragen, stellt das folgende Zitat eines Betroffenen bereit.   

Es blitzt und blinkt. Alles geht durcheinander. Störende Geräusche scheinen direkt in mein Hirn zu gehen und dort gemeine Schmerzen auszulösen. Mir wird schwindelig.

Schwindel ist zahlreichen Menschen bekannt. Möglicherweise hat ihn ein Jeder schon einmal erlebt. Fachsprachlich wird er Vertigo genannt. Mit Schwindel werde das Empfinden eines Drehens oder Schwankens, das Gefühl, sich nicht sicher im Raum bewegen zu können, oder auch das Gefühl der drohenden Bewusstlosigkeit bezeichnet. Im medizinischen Sinn werde Schwindel als wahrgenommene Scheinbewegung zwischen sich und der Umwelt definiert. Er könne verschiedene Ursachen haben und in zwei Kategorien eingeordnet werden. Häufig treten Schwindelsymptome im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen auf, entweder als Folge oder als Ursache derselben.

Für einige Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ist Schwindel, von dem sie mehr oder weniger häufig berichten, längst ein offenes Geheimnis. Er scheint die unsichtbare und der Medizin bislang verborgen gebliebene Seite dieser Störung zu sein. Eine Seite wie ein Geist, der im Dunklen schlummert. Zumeist erwacht er in Situationen, denen ein Mensch ohne Beeinträchtigung nichts Besonderes abgewinnen kann. Ein Mensch im Spektrum kann dieselben Situationen hingegen als extrem belastend empfinden.

Mich stört schon eine flackernde Kerze. Aber, am schlimmsten ist flackerndes Sonnenlicht, wenn ich im Bus sitze. Mir wird irgendwie schwindelig davon. Ich kann mich nicht mehr rühren.

Das Flackern einer Lichtquelle ist zahlreichen Bewegungen gleichzusetzen. Die visuelle Wahrnehmung derselben scheint viele Betroffene vor eine echte Herausforderung zu stellen. Das angeführte Zitat deutet nicht nur an, dass diese Bewegungen eine Belastung darstellen. Es beschreibt außerdem, dass sie eine unangenehme Folge nach sich ziehen können. Denn, häufig wecken diese Bewegungen den Geist, der Schwindelgefühl heißt. Das deutet darauf hin, dass zwischen Bewegungen, Schwindelgefühl und Autismus möglicherweise ein Zusammenhang besteht.

Das Gehirn eines Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sendet eindeutige Signale, sobald eine individuelle Grenze erreicht ist, die besonders im Fall des Eintretens eines Schwindelgefühls nur schwer ignoriert werden können. Ein Betroffener wird deshalb stets bestrebt sein, unter allen Umständen zu vermeiden, dass er dieses Schwindelgefühl erfährt. Hierfür greift er auf seine erlernten Kompensationsstrategien zurück. 

Gerade bei Schwindel beim Gehen und Überreizung hilft mir Fokussieren auf Details.

Die detailorientierte Wahrnehmung ist ein wirksames Instrument der visuellen Kompensation. Sie kann dem Schwindel nicht nur vorbeugen oder ihn lindern. Im Alltag eines Betroffenen ist sie auch in anderen Bereichen hilfreich, wenngleich sie kein Allheilmittel darstellt. Dennoch ist sie von enormer Wichtigkeit und Bedeutung, wie auch alle anderen Kompensationsstrategien.

Quelle Zitate

 

Autismus und Denken – Zwang oder Notwendigkeit?

„Mein Gehirn funktioniert so: Ein Problem braucht eine Lösung und der effektivste Weg ist das Ziel.“

Ist von Zwangsgedanken die Rede, klagen hiervon Betroffene hauptsächlich über das damit verbundene Leid und den Druck, dem sie hilflos ausgesetzt sind. Fehlt die Möglichkeit, bestimmten Zwängen nachzugehen, resultieren daraus oft enorme Ängste.

Typische Symptome einer Zwangsstörung sind Grübeln, Zählen, Waschen oder Kontrollieren. Diese Symptome müssen allerdings nicht zwangsläufig auftreten. Ein Mensch, der unter einer Zwangsstörung leidet, kann als gewissenhaft und ordentlich auffallen oder als jemand, der das Gewohnte bevorzugt.

Die Symptome einer Zwangsstörung könnten folglich ebenso einem Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zugeschrieben werden. Vor allem, weil eine Gemeinsamkeit vordergründig auffällig wird. Sowohl eine Zwangsstörung als auch eine Autismus-Spektrum-Störung ist häufig von den individuellen Gedanken eines hiervon Betroffenen geprägt.

„Ich habe große Angst, das Falsche zu denken und den Gedanken am Ende nicht mehr von einer Erinnerung unterscheiden zu können. Manchmal habe ich Angst, ich könnte dem schaden was, mir wichtig ist. Zum Beispiel hatte ich öfter Angst, ich könnte meinem Meerschweinchen schaden, was ich aber nie tun würde.“

Das an dieser Stelle angeführte Zitat eines Betroffenen mit einer Autismus-Spektrum-Störung spricht dafür, dass dieses Defizit durchaus in Verbindung mit einer Zwangsstörung auftreten kann. Ohne wissenschaftliche Studien, die etwas über die Häufigkeit des Auftretens einer Zwangsstörung in Verbindung mit einer Autismus-Spektrum-Störung aussagen, sollte ein abschließendes Urteil über etwaige Zusammenhänge jedoch nicht gefällt werden.

Ob autistisches Denken zwanghaft im Sinne von Grübeln erfolgt oder aus einer Notwendigkeit heraus geschieht, scheint demnach vom jeweiligen Blickwinkel des Betrachters abhängig zu sein. Das folgende Beispiel einer Situation, in der sich ein Betroffener im Alltag schnell wiederfinden kann, beschreibt die Gedanken, die eine solche Situation möglicherweise auslöst.

Emma sitzt im Zug. Als dieser an der nächsten Station hält, steigen ein paar Jugendliche ein. Die Gruppe fällt Emma unangenehm auf. Sie hört sie krakeelen und beginnt sofort darüber nachzudenken, was sie täte, wenn die Gruppe auf sie aufmerksam wird, sie ärgert oder angreift.

Das Beispiel impliziert, dass Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung im Vergleich zu Nichtbetroffenen vermutlich häufiger nach einem potenziellen Problem Ausschau halten, um vorsorglich eine Lösung zu finden. Für diese Schlussfolgerung spricht unter anderem das folgende Zitat eines Betroffenen.

Gedanken habe ich sehr oft. Sie beschäftigen sich mit der Lösung oder dem Umgang in einer bestimmten, eventuell eintretenden Situation.

Zur Beurteilung dieser Art des „vorausschauenden“ Denkens bieten sich einem Außenstehenden zwei Erklärungsansätze. Aus negativer Sicht könnte zur Diskussion gestellt werden, dass es sich vordergründig um Zwangsgedanken handelt.

Zwangsgedanken seien inhaltliche Denkstörungen. Gemeint seien vordergründig Denkstörungen im Sinne von sich immer wieder aufdrängenden und unsinnigen Denkinhalten, die darüber hinaus von zusätzlichen Denkstörungen geprägt sein können. Hierzu gehören Perseveration, Gedankenkreisen, eingeengtes Denken und Gedankenarmut, um nur einige Beispiele zu nennen. Auf Verhaltens- oder kognitiver Ebene können Zwangsgedanken zudem Abwehrrituale auslösen.

Eine andere Erklärung bietet das folgende Zitat eines Betroffenen an. Es beschreibt unter anderem die Notwendigkeit dieser Art des Denkens und vermittelt eine positive Sichtweise, weil es das „vorausschauende“ Denken als Instrument zum Entwickeln einer Strategie vorstellt.

Wenn gewisse Dinge wissentlich überfordern, versucht man, Strategien immer wieder im Kopf durchzugehen. Damit ist man für den Fall des Eintretens dieser Situation sicher und kann handeln, weil sie einstudiert ist.

Eine Strategie wird häufig als Realisierungsfahrplan beschrieben. Dieser führe zu einem bestimmten Ziel hin und definiere nicht nur Meilensteine. Auch das methodische Vorgehen werde skizziert und Controlling-Maßnahmen berücksichtigt. Strategien seien demnach komplexe Konstrukte, die Planung, fachliche Kenntnisse und Qualifikation benötigen, um zu funktionieren. Auch im privaten Umfeld seien Strategien ein Bestandteil des Alltags. Wenngleich sie hier fachlich weniger fundiert seien und ein unvorsichtiger Umgang mit ihnen schnell zu Manipulation führen könne.

Eine weitere Definition des Begriffes „Strategie“ geht auf Helmuth von Moltke zurück, dessen Familie zum mecklenburgischen Uradel zählt. Als Sohn des späteren dänischen Generalleutnants Friedrich Philipp Victor von Moltke und dessen Ehefrau Henriette Sophie lebte die Familie zunächst auf Gut Gnewitz und zog später nach Lübeck um. Er diente im dänischen Infanterieregiment Oldenburg in Rendsburg und erwies sich als Talent mit großen Ambitionen. Unter anderem, weil er sich bemühte, in die preußische Armee aufgenommen zu werden.

Moltke definierte den Begriff „Strategie“ als Fortbildung eines ursprünglich leitenden Gedankens entsprechend sich stets ändernder Verhältnisse. Zur Entwicklung einer Strategie seien gemäß seiner Definition vor allem die Bestimmung der Ausgangssituation und eine Beschreibung eines zukünftigen Zustandes als Leitbild von wesentlicher Bedeutung.

Eine Strategie, die sich ein Mensch mit Autismus vorsorglich ausdenkt, könnte demnach ein wesentlicher Bestandteil der „Kompensation“ dieses Defizits sein. Alfred Adler, der Gründer der Individualpsychologie, führte diesen Begriff im Jahr 1907 in seiner Studie über die Minderwertigkeit der Organe als Antwort des Organismus auf eine Organminderwertigkeit ein. Weil die Psyche im übergeordneten Zentralnervensystem als Teil des Gesamtorganismus beim Kompensationsprozess ebenso von Belang sei, schlussfolgerte Adler zudem den Begriff der seelischen Kompensation.

Seitdem werde in der Psychologie eine Strategie als Kompensation bezeichnet, mit welcher bewusst oder unbewusst der Versuch unternommen wird, eine echte oder eingebildete Minderwertigkeit auszugleichen. C. G. Jung hingegen hält fest, dass jeglicher Prozess als Kompensation bezeichnet werden könne, der darauf ziele, psychische Ungleichgewichte und Einseitigkeiten auszugleichen.

Für einen Menschen mit Autismus scheint es demnach von zentraler Bedeutung zu sein, Strategien für alle denkbaren Situationen zum Zweck der Kompensation zu entwickeln. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass er schnellstmöglich erkennt, worin das Problem besteht, welches die Notwendigkeit der Entwicklung geeigneter Kompensationsstrategien nach sich zieht. Stetiges Denken und Analysieren der unterschiedlichen Situationen im Umfeld können deshalb ein Teil der Lösung sein, der von Außenstehenden nicht zum Problem gemacht werden sollte.

Das folgende, abschließende Zitat belegt am Beispiel des Blickkontaktes sehr eindringlich, dass Denken und Kompensation so untrennbar miteinander verbunden sind wie Raum und Zeit. Auch, weil es bei Kompensation häufig von Bedeutung ist, die Autismus-Spektrum-Störung seinen Mitmenschen gegenüber verheimlichen zu müssen. Denn, eine Offenbarung könnte negative Konsequenzen nach sich ziehen, über die jeder Betroffene zudem viel zu oft nachdenken muss.

Bei mir ist das beim Blickkontakt ganz deutlich. Meine Frau sagt, dass ich da völlig unauffällig sei. Ich selbst merke aber, dass ich den Blickkontakt vor allem in Gruppen immer noch über den Verstand steuere.

Quelle Zitate: aspies.de/Selbsthilfeforum

 

 

 

Autistische Kinder und die Bedeutung ihrer Art zu spielen

„Spiel ist keine Spielerei“ schreibt Armin Krenz in einem Fachartikel auf http://www.kindergartenpaedagogik.de (Aus: WWD 2001, Ausgabe 75, S. 8-9, Link zum Artikel). Weiterhin führt er aus, dass das Spielen im Leben von Kindern weder etwas mit zufälliger Freizeitgestaltung noch mit einer rein lustbetonten Tätigkeit zu tun habe. Es sei kein Nebenprodukt einer Entwicklung noch sei es ein verzichtbares Produkt im Lebenszyklus eines Menschen. Das Spiel sei gewissermaßen der Hauptberuf eines jeden Kindes, „das dabei ist, die Welt um sich herum, sich selbst, Geschehnisse und Situationen, Beobachtungen und Erlebnisse im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen.

Wenn dem so ist, wirft diese Aussage die Frage auf, warum autistische Kinder mit der Lernmethode ABA hauptsächlich erfahren müssen, was der Ausspruch „Zuckerbrot und Peitsche“ in letzter Konsequenz bedeutet und dass ihr Leben nicht aus Spiel sondern aus harter Arbeit besteht.

Zunächst sei ABA (Quelle) ein verhaltenstherapeutischer Ansatz, im Zuge dessen „Ergebnisse aus der Verhaltensforschung in der Therapie“ angewendet werden. Bei ABA handele es sich um die am besten evaluierte Methode in der Therapie von Menschen mit Autismus, deren hohe Wirksamkeit nachgewiesen sei.

Wesentlicher Bestandteil dieser Therapie sei die Konditionierung, netter ausgedrückt: Das „Erlernen von Reiz-Reaktionsmustern.“ Die operante Konditionierung sei hierbei der zentrale Lernmechanismus. Demnach sei zukünftiges Verhalten wesentlich geprägt von den Konsequenzen, die es nach sich zieht. Lernerfolge erziele man durch Versuch und Irrtum, Erfolg und Misserfolg oder Belohnung und Strafe.

Als Konsequenz eines Verhaltens trete ein unerwünschter Reiz auf. So werde beispielsweise im Rahmen des Toilettentrainings die eingenässte Hose angelassen. Alternativ werde als Konsequenz eines Verhaltens ein erwünschter Reiz entfernt, zum Beispiel durch den Entzug von Aufmerksamkeit oder durch den Entzug von Verstärkern wie Sauerstoff, Trinken, Essen, Wärme oder sexuelle Stimulation.

Der „positive“ Gegenpol dieser Maßnahmen seien konditionierte Verstärker. Diese werden erarbeitet, indem „ein vormals neutraler Stimulus durch wiederholtes Zusammenbringen mit einem primären Verstärker zum konditionierten Verstärker“ wird. Als Beispiele werden „Lob, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Lieblingspersonen, Lieblingsaktivitäten und Lieblingsspielsachen“ angeführt. Geld sei sogar ein universeller Verstärker. Für eine ABA-Therapie sei es deshalb besonders wichtig, auf ein ausreichendes Reservoir wirksamer Verstärker zugreifen zu können.

Die ABA-Therapie benötige eine hohe Trainingsintensität von etwa vierzig Stunden pro Woche. Dieser Stundenumfang entspricht somit der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit eines Erwachsenen mit einer gesetzlich vorgeschriebenen Pausen- und Urlaubsregelung. An dieser Stelle muss deshalb die Frage erlaubt sein, wann einem autistischen Kind bei diesem Arbeitspensum noch Zeit bleibt, seinen eigenen Interessen nachzugehen. Fraglich ist außerdem, inwieweit und ob die ABA-Therapie der Entwicklung geeigneter Kompensationsstrategien überhaupt gerecht wird, die in erster Linie spielerisch erfolgt.

Das Spielverhalten, das autistische Kinder zeigen, dient der Entwicklung geeigneter Kompensationsstrategien. Wird dieses Spielverhalten autistischer Kinder beeinflusst, indem beispielsweise Spiele und Spielsachen nur gelegentlich zum Zweck der Belohnung geduldet werden, beeinflusst dieses Vorgehen die Entwicklung geeigneter Kompensationsstrategien entscheidend. Auf lange Sicht sind die Folgen nicht absehbar.

Kompensationsstrategien spielerisch erlernen bedeutet für ein autistisches Kind, etwas für sein Leben zu lernen. Ein Beispiel für ein solches Spielverhalten, das viele autistische Kinder zeigen, wird in dem folgenden Zitat geschildert.

Ich habe als Kind lieber die Schuhe meiner Barbies farblich sortiert.

Der eine oder andere Leser mag nun den Einwand erheben, dass jeder Autist anders ist. Mit Blick auf die individuellen Umstände eines Betroffenen ist dieses Argument sicherlich auch zutreffend, weil viele individuelle Umstände viele individuelle Strategien erfordern. In ihrem Grundsatz zeigt die Kompensation jedoch viele Gemeinsamkeiten.

Das Sortieren gehört zu diesen Gemeinsamkeiten. Es nimmt seinen Anfang in der Kindheit und setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. Es geht nicht verloren, wenngleich es sich in der Stärke seiner Ausprägung auf sehr unterschiedliche Art und Weise zeigen kann, wie das folgende Zitat eines erwachsenen Betroffenen veranschaulicht.

Auf Dauer merke ich mir, dass Person X dazu neigt, Dinge nicht ernst zu meinen und bemerke so schneller, wenn wieder mal etwas nicht ernst gemeint ist.

Auf den ersten Blick scheinen beide Zitate auf keinen direkten Zusammenhang hinzudeuten, aber auf den zweiten Blick.

Ein autistisches Kind sortiert Gegenstände gerne nach Größe, nach Farbe oder nach Form. Ein Erwachsener ordnet den Menschen in seinem direkten Umfeld bestimmte Merkmale oder Eigenschaften zu. Im Kern folgen beide damit derselben Strategie: sie sortieren und ordnen zu. Dieses Verhalten spricht dafür, dass es seinen Ursprung in frühester Kindheit findet. Denn, durch einfaches Sortieren und Zuordnen lässt sich das gesamte Umfeld in einer übersichtlichen Weise strukturieren.

Feste Strukturen vermitteln nicht nur ein Gefühl von Sicherheit. Feste Strukturen besitzen ebenso einen Wiedererkennungswert, dessen Nutzen und Wichtigkeit für einen Betroffenen vor allem aus dem zweiten Zitat hervorgeht.

ABA greift entscheidend in das Spielverhalten autistischer Kinder ein. Es sollte daher davon ausgegangen werden, dass Kinder, denen mittels dieser „Therapie“ geholfen werden soll, das Zuordnen durch Sortieren entweder überhaupt nicht oder nicht ausreichend entwickeln. Diesen Kindern geht damit ein entscheidendes Instrument zur Kompensation verloren, weil genau diese Zuordnungen relevant sind für die Perzeption, insbesondere im Bereich der sozialen Interaktion.

Ein autistisches Kind, welches mit ABA therapiert wurde, könnte als Spätfolge dieser Therapie also häufiger verunsichert sein, eine Angststörung oder andere psychische Erkrankungen entwickeln.

Quelle ABA

 

 

Autismus anders gedacht

Einst gab es eine Zeit, in der Menschen, sobald sie an die Deutschen dachten, an ein Volk aus vielen überragenden Dichtern und Denkern dachten. Seit mehr als siebzig Jahren ist der Gedanke an das Volk der Dichter und Denker vermutlich nicht mehr der erste, wenn Menschen an Deutsche denken.

Ich frage ich mich oft, woran Menschen zuerst denken, wenn sie an Autismus denken. Denken sie an die Menschen, denen diese Störung angeboren wurde, oder denken sie eher an die öffentliche Meinung, die dieser Störung einen Charakter zuschrieb?

Wenn ich an Autismus denke, dominieren zwei Begriffe meine Gedanken: Urteil und Vorurteil. Ein Urteil steht häufig in Stein gemeißelt und oft scheint kaum jemand gewillt zu sein, ein solches zu hinterfragen oder anzufechten. Ein Vorurteil ist weitläufig, es herrscht vor und wirft nicht selten seine dunklen Schatten voraus. Meistens, ohne dass es hinterfragt wird.

Die „Selbstbezogenheit“, die Menschen mit Autismus einst zugeschrieben wurde und bis heute durch die Verwendung des Wortes „Autismus“ Gültigkeit besitzt, ist die Zusammenfassung vieler auffälliger Verhaltensweisen in einem Wort. Diesen Verhaltensweisen geht gewiss eine Ursache voraus, nach welcher gegenwärtig mit Nachdruck gesucht wird.

Ich frage mich oft, ob es in Anbetracht dieser Tatsache wirklich gerecht ist, dass die Verhaltensweisen, die Menschen mit Autismus zeigen, als etwas grundsätzlich Negatives dargestellt werden. Ich frage mich, ob es wirklich gerecht ist, dass in Anbetracht dieser Tatsache ein Urteil über Menschen gefällt wurde, welches mit zunehmendem Bekanntheitsgrad immer mehr Vorurteile schürt. Ich frage mich, ob es wirklich gerecht ist, dass stets aus der Perspektive dieses gefällten Urteils über Autismus gesprochen wird.

Wer über Autismus spricht, spricht in erster Linie über Menschen. Doch, dieser Gedanke scheint gegenwärtig ebenso verkümmert zu sein wie der Gedanke an das Volk der Dichter und Denker.

Deshalb wäre es für die Zukunft schön, wenn bei dem Wort „Autismus“ nicht ausschließlich daran gedacht wird, mit allen erdenklichen Mitteln und auf Teufel komm raus die auffälligen Verhaltensweisen eliminieren zu müssen, für die es in der heutigen Gesellschaft weder Platz noch Toleranz zu geben scheint. Es wäre schön, wenn bei dem Wort „Autismus“ zuerst an die hiervon betroffenen Menschen gedacht wird, die möglicherweise darunter leiden, dass sie stets als falsch dargestellt werden. Es wäre schön, wenn bei dem Wort „Autismus“ grundsätzlich an Menschen gedacht wird, weil erst dann anders über Autismus gedacht werden kann.